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Ausgeflüstert?

"Kann man denn da überhaupt noch leben?" Die täglichen Bilder in den Medien, die von furchtbaren Zerstörungen in der Ukraine durch den russischen Feind zeugen, erinnern mich in der Tat an die Berichterstattung aus Grosny in den neunziger Jahren und Fernseheindrücke aus Syrien. Und mir wird häufig mit der eingangs gestellten Frage entgegnet, wenn ich von der Ukraine spreche. Selbstverständlich ist es für die Menschen eine furchtbare Belastung, tagaus, tagein in dem Wissen zu leben, dass jeden Tag, jede Minute auch das eigene Haus getroffen werden kann. Dass es de facto keinen sicheren Ort in der Ukraine gibt. Und dass die, die bleiben, um Leib und Leben fürchten müssen. Ich selbst, ein ängstlicher Mensch, habe daher volles Verständnis dafür, wenn Ukrainer die Entscheidung treffen, ins Ausland zu fliehen. Ich selbst war 2019 zum letzten Mal dort. Doch ich kenne genügend Menschen (und nicht nur Ukrainer!), die auch in diesen schwierigen Zeiten das Land besuchen und sich mit ihren eigenen Augen von dem überzeugen, was geschieht.

 

Von einer Freundin hörte ich vor wenigen Tagen: Ihre Angehörigen in Kyjiw haben zum Teil nur eine halbe Stunde am Tag Strom. Viele Berufstätige stehen daher mitten in der Nacht auf, um den plötzlich vorhandenen Strom zum Kochen zu nutzen. Morgens geht es dann trotzdem, wie gewohnt, in aller Frühe zur Arbeit. "Doch das ist noch gar nichts: Meine Tante in der Region Dnipro erzählte, in ihrer Stadt haben sie neulich fünf Tage lang kein Wasser gehabt. Es war nicht möglich, sich oder gar die Kleidung zu waschen oder die Toilette zu spülen. Dazu noch war die Lieferung von Trinkwasser in großen Kanistern nicht möglich." 

 

Was in der offiziellen Berichterstattung viel zu kurz kommt: Die Zivilbevölkerung beweist eine nahezu ungebrochene und auch weiter nicht zu brechende Bereitschaft, ihr Land nicht nur bewohnbar, sondern auch lebenswert zu erhalten. Davon zeugt der unermüdliche Einsatz von Feuerwehrleuten, Mitarbeitern der Energieversorgung und einfachen Bürgern, die das Zerstörte wieder aufbauen. Butscha beispielweise ist nicht mehr das Trümmerfeld vom Frühjahr 2022. Mein Mann, Ralf Haska, hat sich im Mai 2025 vor Ort davon ein Bild machen können. Es stimmt: Ein Land, aus dem alle geflohen sind, ließe sich leichter überrollen und einnehmen. Das aber wird Russland trotz all seiner diabolischen Einschüchterungs- und Verleumdungstaktik nicht gelingen.

 

Von Reisenden, die aus der Ukraine zurückkehren, höre ich regelmäßig, dass die Züge der ukrainischen UkrZalisnytsa pünktlich und verlässlich fahren. In Kriegszeiten! Selbstverständlich bedeutet das für die Angestellten der ukrainischen Eisenbahn einen hohen persönlichen Aufwand. Aber sie sind dennoch ohne Murren bereit, annehmbare Bedingungen für die Reisenden zu gewährleisten. Die ukrainische Nova Poshta stellt Postsendungen unverzüglich zu, auch ins Ausland, und gibt ihren Kunden Updates, wann genau sie ihre Post erwarten können. Ich habe das selbst mit einer Buchbestellung bereits ausprobiert. 

 

 

 

Kein Strom? Ukrainer wissen sich zu helfen: In Dosen werden aus Wachsresten Kerzen gegossen, die auch einfach an der Front verwendet werden können. Werden sie von nach Mitteleuropa geflohenen Ukrainern gefertigt, so lassen diese gerne deutsche Spender und Helfer daran teilhaben. Auf diese Weise erreichte uns eine solche als Andenken von Peter und Oksana für eine winzige Hilfeleistung. Die zweite ist für einen sehr großzügigen Spender bestimmt. 

 

 

Und das kulturelle Leben der Ukraine blüht! Es stärkt die Menschen. Ich bin so dankbar, dass ich daran teilhaben darf. Und sei es auch nur mit Hilfe des Internets. Von all dem unbürokratischen und uneigennützigen Einsatz und den hoffnungsgebenden, schöpferischen Einfällen ukrainischer Kulturschaffender könnten wir in Deutschland uns wahrlich viel abschauen.

 

Ein faszinierendes Phänomen durfte ich kürzlich rund um den Tag der ukrainischen Schrift und Sprache beobachten, der bis 2023  noch in der ersten Novemberdekade begangen wurde.

An anderer Stelle im Blog habe ich bereits über ihn berichtet:

 

https://www.charis-haska.de/2022/11/07/denn-das-wort-ist-unsre-waffe/ 

 

Inzwischen wurde der ukrainische Kalender ja auf den neujulianischen Kalender umgestellt. Deshalb findet dieser besondere Feiertag inzwischen am 27. Oktober statt. Erstmalig kam ich nun mit einer seiner Besonderheiten in Berührung: Es gibt an diesem Tag bereits seit dem Jahr 2000 das Radiodiktat, das morgens um elf Uhr im Kulturfernsehen und beim ersten Ukrainischen Radiosender (Ukrajinske Radio) zum Mitschreiben ausgestrahlt wird. Schon Tage vor dem 27. Oktober beobachtete ich, dass dieses Diktakt unter meinen ukrainischen Freunden lebhaft diskutiert wurde. Ein Schriftsteller verkündete groß, er lasse sich nichts diktieren. Das rief eine Menge von Kommentaren hervor. Die meisten, bei denen ich mitlas, betrachteten das Mitschreiben (das jedem frei steht) hingegen als eine schöne Herausforderung, ja, geradezu als heilige Pflicht. 

 

Leider verpasste ich es, die Sendung mitzuhören. Es war gar nicht so einfach, im Nachhinein an den Text heranzukommen, der da von der bekannten Schauspielerin Nataliya Sumska verlesen worden war und in Inhalt und Form großen Widerhall fand. Vermutlich wurde die schriftliche Variante zunächst bewusst nicht verbreitet, damit jeder und jede ihre eigenen Kenntnisse der ukrainischen Sprache in ihren Feinheiten ehrlich prüfen konnte. Die Dichterin Alyona Radchenko war mir dabei behilflich, den sehr berührenden Text der Schriftstellerin Yewheniya Kuznetsova nachlesen zu können. Er enthält übrigens eines der äußerst seltenen Worte mit zwei (!!!) Apostrophen: міжʼярʼї (Zwischenräume).

"Man muss leben" ist er überschrieben. Und dann folgt eine warmherzige Aufzählung von Tätigkeiten, die man nicht unterlassen sollte, beginnend mit der Kultur: Ein Buch lesen, ins Theater gehen ... Yewheniya Kuznetsova ermuntert mit ihren Zeilen, das Leben im Jetzt mit der eigenen bewussten und achtsamen Anwesenheit zu füllen. Und neben dem, was zum Überleben unabdingbar ist, das Wohltuende nicht außer Acht zu lassen: Sowohl Katzen zu streicheln, als auch hilflose Welpen von der Front zu retten. Blut zu spenden genauso, wie seltene Worte durch ihren Gebrauch neu zu beleben. Es ist ein Text, der Hörern und Lesern die innige Liebe zur Ukraine sehr plastisch vermittelt.

 

Heiß diskutiert wurde das Radiodiktat unter anderem wegen der Art, wie es vorgetragen wurde. Doch indessen regte es viele meiner Dichterfreunde auch zu eigenen Texten und schönen Gedichten zum Thema "Man muss leben" an. Nicht umsonst heißt dieses hervorgehobene Diktat "Radiodiktat der nationalen Einheit". Was für ein wunderbarer Flashmob! Die Stärke der Ukrainer besteht bei weitem nicht nur in ihrer militärischen Entschlossenheit und Findigkeit.

 

Dass auch bei einem Gebrauchsartikel, wie solchen Notkerzen, die Schönheit nicht außer Acht gelassen wird, ist typisch ukrainisch.

 

 

Viel habe ich in letzter Zeit übersetzt - und auch einfach für mich selbst gelesen, immer traurig darüber, dass in unserer eigenen literarischen Welt diese bewegenden Texte kaum Aufmerksamkeit finden. Mehrfach habe ich im Lauf des Jahres einen namhaften deutschen Verlag auf herausragende ukrainische Autoren hingewiesen und ihm den Kontakt zum Autor bzw. seinem ukrainischen Verlag vermittelt. Die Resonanz darauf lässt leider seit Monaten auf sich warten. Dabei gibt es einen unglaublichen Reichtum zu entdecken. Verlage, denen reißerische Cover und Bestsellerautoren wichtiger sind, verpassen hier eine atemberaubende Entwicklung - und möglicherweise völlig den Ausblick in die wirkliche Welt.

 

Ich will mich jedoch nicht von der Schwerfälligkeit und Profitorientiertheit des deutschen Verlagswesens entmutigen lassen. Viel mehr möchte ich mir ein Beispiel an der unermüdlichen Ameisenarbeit der unzähligen ukrainischen Freiwilligen nehmen. Und ehe die letzten Rosenblüten abfallen, möchte ich Euch noch ein Herbstgedicht von Natalia Solovir vorstellen, entstanden im Wettbewerb "Die beste Poesie der Woche" der Gesamtukrainischen Poetischen Familie. In der Ukraine bringt man sehr gerne Blumen mit, unter anderem, um jemanden nach einer Reise zu begrüßen - und natürlich auch zu Trauerfeiern. Die Autorin sehnt sich danach, dass Zeiten kommen, in denen Blumen wieder hauptsächlich Freude symbolisieren. Lasst uns mit der Dichterin ein hoffnungsvolles Glas darauf erheben, dass Blumen schon bald nur noch zu natürlichen und erfreulichen Anlässen überreicht werden müssen. Denn auch, wenn finstere Kräfte uns schleichend Aussichtslosiglkeit unterschieben wollen:

 

DIE STIMMEN DER UKRAINE HABEN BEI WEITEM NICHT AUSGEFLÜSTERT.

SIE WERDEN KRAFT- UND KLANGVOLLER DENN JE!

 

 

Nachlese vom Adventsmarkt in Herzberg ...

 

EIN WEINGLAS VOLL HOFFNUNG

 

 

Unsere Frühlinge, sie haben ausgeflüstert, oh Freunde, 

In seiner Vielfalt hat ausgetanzt der kornblumenblaue Sommer. 

In Anspannung hält uns die Gegenwart 

Und auf das Kommende blicken, das ist beklemmend …

 

Ja, rundum durchwärmt durch das Gold des Herbstes, 

Lasst uns ein Weinglas der Hoffnung nehmen, 

Damit wir Blüten bringen nur aus dem Antrieb der Liebe, 

Damit wir am Sonntag zu Gott uns in Freude nur wenden.

 

Gezielt lasst uns neigen das Leben zum guten Wort. 

Gebrochene Herzen sind stärker zusammen, 

Weiser sind wir, wenn wir mit Liebe erfüllt sind. 

Und jeden Tag empfangen wir freudig wie ein Geschenk.

 

 

Nataliya Solovir

19.11.2025

 

 

 

 

 

ПО КЕЛИХУ НАДІЇ

 

Відшепотіли наші весни, друзі, 

Відгарцювало волошкове літо. 

Тримає сьогодення у напрузі, 

І дивиться прийдешність непривітно...

 

Та, золотом осіннім обігріті, 

Давайте-но по келиху надії, 

Щоб тільки з приводу кохання квіти, 

Щоб з радості до Бога у неділю.

 

Заточимо життя на добре слово. 

Серця порепані міцніші разом, 

Мудріші ми, як сповнені любові. 

І кожен день, як дар, сприймаймо радо.

 

Наталія Соловір

19.11.2025

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Anselm Rapp (Donnerstag, 04 Dezember 2025 16:14)

    Wunderbar. Ich finde es auch sehr wichtig, die Ukraine nicht auf ein Land im Krieg zu reduzieren, sondern den Blick auf die Menschen dort zu richten. Slava Ukraini!