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Ich glaube, lebe, liebe ...

Eine besondere Frau möchte ich Euch heute vorstellen, Anna Dobronravina aus der Stadt Bila Zerkwa im Oblast Kyjiw. Aufmerksam geworden bin ich auf die Poetin in der FB-Dichtergruppe Gesamtukrainische Poetische Familie, die inzwischen eine große, anerkannte, gemeinnützige Organisation ist. Ich berichtete hier im Blog schon öfters über das bewundernswerte zivilgesellschaftliche Engagement der Gruppe.

 

Lassen wir die Autorin zunächst selbst von sich erzählen. Ich habe sie gebeten, uns daran teilhaben zu lassen, wie sich ihr Alltag gestaltet:

 

"Mein Morgen beginnt um sechs - oder aber nach der Entwarnung vom Luftalarm, so wie bei allen Mamas. Meine Jüngste ist vier Jahre alt. Sie trägt den heutzutage für ukrainische Kleinkinder ungewöhnlichen Vornamen Natalka. Natalka, die innig Vertraute. Natalka hat zwei Brüder und eine Schwester - und ein Engelbrüderchen. Die beiden Mittleren gehen in die Grund- bzw. in die Sekundarschule. Und der Älteste ist Student."

 

Hoppla, da habe ich schon eine Rückfrage. Warum betont sie ausgerechnet den Vornamen ihrer Jüngsten so? Ich hake nach, ob sie das Töchterchen nach Ivan Kotlyarevskys Oper Natalka Poltawka benannt hat. Das ist eine legendäre Liebesgeschichte, die sich in der Ukraine großer Beliebtheit erfreut. Sie hat einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die ukrainische Literatur.

Ihre Antwort berührt mich sehr. Zunächst belegt sie mir mit einem Screenshot Herkunft und Bedeutung des Namens: Natalka, eine Koseform von Natalia, leitet sich vom lateinischen "natalis" ab, hat also etwas mit der Geburt zu tun. Es kann daher "die Geborene" und "die Eigene, die eng Vertraute, die Verwandte" bedeuten. Sogar ein Zusamenhang mit der Geburt Christi wird in der Erklärung des Namens angemerkt, weshalb Natalka auch "die Weihnachtliche" heißen kann. Das finde ich schon ziemlich außergewöhnlich ... Für Anna Dobronravina scheint die Deutung "рідна", also "die eng Vertraute" besonders wichtig zu sein. Sie fährt in ihrer Erklärung fort: "Ich habe sie nach der Ärztin benannt, die eins von Natalkas Brüderchen wegen Blutkrebs behandelt hat. Es ist leider verstorben. Durch Gottes Fügung hat Natalka zwei Patinnen, die beide Natalka heißen."

Das oben erwähnte Engelbrüderchen ist also ein Sternenkind.

 

Fünf Geburten. Der verlorene Kampf um das Leben eines geliebten Kindes. Die Erziehung mehrerer Kinder in einem Kriegsland, indem es auch schon vorher nicht immer einfach war, eine Familie zu ernähren. Ohne sich beklagen zu wollen erzählt sie:

 

"Jeden Tag habe ich einen Berg Wäsche zu waschen, Frühstück, Mittag- und Abendessen zuzubereiten, Lebensmittel einzukaufen - und auch meine Arbeit. Manchmal tut mir mein Telefon weh, denn ich arbeite mit Angehörigen von Gefallenen und Vermissten, mit Kriegsveteranen und auch mit aktiven Soldaten."

 

 

 

"Allabendlich, wenn die Kinder am Einschlafen sind, nehme ich mir Zeit, um mit mir selbst ins Gespräch zu kommen. Was ich gerne hätte. Süßigkeiten, ein Eis, Lippenstift - oder einfach nur Ruhe. Und selbstverständlich, dass die Ukraine siegt. Und ein Tässchen Kaffee am Morgen. Dass die Kinder gesund bleiben und für mich das Glück einer Frau. Ich höre auf, die Mama zu sein, die Ehefrau, Kollegin, Freundin, Patin, Schwester, Tochter zu sein, ein Mensch zu sein. Ich büße alle meine Rollen ein, wie gewonnen, so zerronnen. Wenn ich schreibe, gibt es mich nicht. Dieses "Nichtgeben" ist eines - und ringsherum gibt es niemanden mehr. Es gibt nur noch das, was ich schreibe. Andernfalls gäbe es überhaupt nichts.

Ich schreibe für mich selbst. Ich liebe es, wenn die Menschen mich lesen. Wenn meine Gedichte Reaktionen von anderen finden, wenn sie Menschen inspirieren und ihnen Unterstützung geben, sie berühren oder motivieren. Ich glaube, lebe, liebe ..."

 

Ihre Texte sind von unglaublicher Intensität und zugleich so lebensnah, dass es angesichts ihres Hintergrundes beim Lesen schmerzt. Geboren ist die Poetin 1985. Mit ihrer gehobenen pädagogischen Ausbildung ist sie als Organisatorin von kulturellen Angeboten für Kriegsveteranen eingesetzt. Ihre Sammlung von Gedichten und Prosatexten "Mit den Augen einer Mutter - Das Jahr in dem sie uns ermordeten" ist 2023 erschienen. Außerdem sind mehrere ihrer Texte in Anthologien veröffentlicht.

 

 

Ich liebe ihre starken Bilder, ihre eindrückliche Sprache. Am liebsten würde ich Euch hier gleich eine ganze Reihe ihrer Gedichte vorstellen. Doch anspruchsvolle Lyrik zu übertragen und, wenn schon nicht, wie im Original in Reime, so doch wenigstens in ein Versmaß zu bringen, erfordert viel Zeit und Überlegung. Daher werde ich hier für Euch nur ein paar Auszüge aus ihren Gedichten der vorangegangenen Monate in meiner noch nicht geschliffenen Übersetzung zitieren und Euch im Anschluss eines ihrer aktuellsten Gedichte zur Verfügung stellen. 

 

Ende Oktober 2025 vergleicht sie beispielsweise ihre Beobachtungen und Empfindungen bei einer Reise nach Polen - diesmal nur als kurzzeitige Gäste - mit dem, was sie während ihrer Flucht zu Beginn des vollumfänglichen Krieges Russlands gegen die Ukraine erlebt hatten. Im Bestreben, ihren Kindern eine sichere Umgebung zu gewähren, war sie mit ihnen anderthalb Jahre dort geblieben. Im Jahr 2023 aber kehrten sie damals in die Heimat zurück.

 

"Doch einen Schritt vor der Grenze hat sich fast nichts geändert, 

[...] der Duft frischen Gebäcks, Klassiker aus Pflastersteinen, 

Türme katholischer Kirchen und blitzsaubere kleine Autos. 

Beinahe freut man sich über uns  - und man lehnt uns beinahe ab. 

Man erwartet uns und man ist stolz auf uns.

 

[...] Einen Schritt vor der Grenze gibt es am Himmel keine Schüsse, 

keine Ausgangssperren und zerrissenen Räume, 

keine Vermissten und schwarze Kopftücher, 

keine Alarme und das beständige “Wir müssen doch 

die Stellung halten, überleben, kämpfen. 

 

Vielleicht könnte ich neidisch sein, aber irgendwie 

 

atme ich einen Schritt vor der Grenze die Freiheit ein, 

im Geruch der Drohnen und Mutterschicksale, 

der vertrauten Stille vor der Sirene, 

in bittersüßen, verstummten und unvorstellbaren Morgen, 

Sternen, in der Stimme, dem Mut, den schwarzen Koptüchern

und dem ständigen “Wir müssen doch 

die Stellung halten, 

überleben, 

siegen.

#MeineUkraine #leben

 

(Aus dem Gedicht "Doch einen Schritt vor der Grenze" Anna Dobronravina, 26.10.2025)

 

Ihr Gedicht vom 15. Januar 2026, indem sie schreibt "Gott umarmt die Erde und verbrennt sich dabei die Finger" nimmt mich sehr mit. Das wird später noch unbedingt zu übersetzen sein. Im Ukrainischen wird das Wort  "обпікає", das sie darin verwendet, übrigens nicht nur für Verbrennungen, sondern auch für Erfrierungen verwendet.

 

 

Außerdem möchte ich Euch einen Blick darauf gewähren, wie sie sich selbst im Internet präsentiert. Denn das ist für mich in ihrem Kontext schon etwas Besonderes. Gewiss ist Euch längst aufgefallen, dass die meisten Ukrainerinnen sehr viel Wert auf ihre gepflegte Erscheinung legen. Diese in der Tat sehr schönen Frauen verstehen es, ihre ansprechenden Seiten wirkungsvoll hervorzuheben. Mich selbst, aus religiösen Gründen zu fast prüder  Zurückhaltung erzogen, hat das vor allem anfänglich bei Begegnungen ziemlich irritiert. Ich habe vorschnell Frauen für oberflächlich und berechnend gehalten, ohne die Hintergründe ihres Auftretens nachvollziehen zu können. Ich habe nicht verstanden, dass sie auch auf diese Weise ihre Würde wahren.

 

Dass Anna Dobronravina oberflächlich sei, kann man ihr nun wirklich nicht nachsagen. Sie zeigt sich figurbetont, ja, in ihrer Facebookpräsenz immer wieder in einer für mich überraschenden Weise. Und sie tut das als eine besondere Feministin: Sie lässt sich als Anziehende und zugleich Verletzliche sehen, indem sie, schön wie eine erfolgreiche Bühnenfigur, offen über in der Gesellschaft schamhaft verschwiegene Themen schreibt. Wie zum Beispiel in ihrem Gedicht "In ihren Vierzig, denen nur noch ein Jahr fehlt":

 

"In ihren Vierzig, denen nur noch ein Jahr fehlt 

liebt sie Tee und schöne Unterwäsche. 

Graues Haar hat sie lange schon eingeholt. 

[...] Für zwei Trennungen schämt sie sich in Ewigkeit 

und sie kümmert sich nicht mehr um irgendjemandes Kanon. 

Prinzipien, Regeln, wie Blumen in Töpfen, 

sterben im Januar auf ihrem Balkon. 

 

In ihren Vierzig, denen nur noch ein Jahr fehlt, 

raucht sie aus dem Fenster und filtert Filme, 

wenn sie Tränen verbergen kann vor niemandem mehr, 

all ihre Falten und ihre Orangenhaut. 

Sie [...] rechtfertigt sich nicht, 

das Vergang´ne, es brennt [...]. 

Ihre Hände haschen nach Schlaf 

und mit Lachen würzt sie ihre Tiefen. 

 

In ihren Vierzig, denen nur noch ein Jahr fehlt, 

ist sie nicht besser und auch nicht die Schlechteste. 

Für alle ist bei ihr doch alles in Ordnung. 

Doch die Nacht druckt in der Stille Gedichte. 

Im brennenden Januar, im Maienhochwasser 

mischt sie neu ihrer Niederlagen Karten. [...]"

 

(Anna Dobronravina, 27.11.2025)

 

Und ich begreife: Durch ihre so ehrlichen Texte in Kombination mit ihren unbekümmert freizügigen Fotos bietet sie den weniger mutigen Frauen ein Beispiel: Eine Mutter Ende dreißig kann auch als Alleinerziehende mit vier Kindern ein gelingendes Leben führen. Ein Leben, in dem sich nicht einschüchtern lässt. Ein Leben in Würde und voll ansteckender Lebensbejahung. Ein Leben mit Zukunftsperspektive, entgegen aller böswilligen, russischen Propaganda über eine Ukraine als "failed state".

 

Welch einen Reichtum kulturellen Lebens die Ukraine mit solch beeindruckenden Persönlichkeiten doch aufweist!

 

Außer ihrem persönlichen Facebookaccount führt sie in diesem Netzwerk auch ihre persönliche Autorenseite mit einem Titel, der übersetzt in etwa "Die Seele, nach außen gekehrt" bedeutet. Dort sind viele Schätze ihrer Poesie zu finden, unter anderem auch das Gedicht, das ich Euch nun vorstellen möchte:

 

 

 

Ich spür dich mit jedem zerrissenen Nerv, 

im zerriebenen Ausrufezeichen 

in deinem Stummsein. 

Ich spür dich durch Tagreisen der Kilometer, 

in des Alarmes Strudel, 

in meiner Einsamkeit.

 

 

Ich speicher´, bewahre dich zwischen den Fingern auf meinem Bildschirm, 

und dich zu berühren mit meinen Lippen 

erschwert mir der Touchscreen. 

Ich speicher´, bewahr´dich, um selbst nicht verloren zu gehen, 

zwischen Sirenen und Ungemach, 

für die zukünftigen Leben.

 

 

Ich warte auf dich, selbst wenn stark schwelen wollten die Morgen, die Wunden, 

und der Frühling mit Vorsicht verzehrt 

meine sündige Liebe. 

Ich warte auf dich, zerreiße die Testamente. 

Und die Zugvögel, 

mögen zurückkehr´n sie wieder! 

 

Anna Dobronravina  

8.1.2025 

#für Dich

 

 

 

Я тебе відчуваю кожним порваним нервом, 

знаком оклику стертим 

у твоїй німоті. 

Я тебе відчуваю крізь добу кілометрів, 

у тривог круговерті, 

у моїй самоті.

 

 

Я тебе зберігаю на екрані між пальців, 

і губами торкатись 

заважає тачскрін. 

Я тебе зберігаю, щоб самій не пропасти, 

між сирен і напастей, 

для майбутніх життів.

 

 

Я тебе дочекаюсь, як би рани не тліли, 

і весна розговіє 

мою грішну любов. 

Я тебе дочекаюсь, розірву заповіти. 

І птахи перелітні 

най повернуться знов.

 

 

Анна Добронравіна 

#тобі 

8.1.2025

 

 

 

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