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Wenn der Luftalarm dröhnt, schreibe ich Gedichte ...

"Es ist jetzt eine sehr schwere Situation in Kyjiw", berichtet eine Freundin auf FB, die aus Deutschland zu ihrer Familie in die Ukraine gereist ist. Neulich schon schrieb sie, zum Glück funktioniere wenigstens das Gas in der Wohnung. So könne sie sich zwischendurch ein wenig wärmen, indem sie Wasser auf dem Herd erhitzt. Ansonsten krieche sie unter die Bettdecke und versuche, mit der Taschenlampe des Smartphones in den Büchern zu lesen, die leider immer noch vom Regen der vorangegangenen Tage nass sind.

 

Seit Wochen schon ist es sehr kalt in der Hauptstadt. Und nun sogar -20°C! Fast alle Häuser haben weder Strom noch Heizung. Eine andere Freundin schreibt, ihre Zimmerpflanzen seien längst auf den Fensterbrettern erfroren. Draußen sei es entsetzlich glatt. Das Aquarium habe sie neben den Kochtopf gestellt und die Hunde tragen durchgehend ihren Winterüberzieher. Das Elektrizitätswerk in ihrem Stadtbezirk und auch das im Nachbarbezirk sei praktisch zerstört. Sie wolle jedoch nicht klagen, nur für die Freunde im Ausland die Fakten konstatieren.

 

In diese Situation hinein veröffentlicht die Dichterin Olena Zabroda aus Kyjiw ein bezauberndes Gedicht über die Inspirationskraft des Winters. Es nimmt mich mit, es begeistert mich. Unbedingt muss ich erfahren, unter welchen Lebensbedingungen sie es verfasst hat. Ich frage nach.

 

 

 

 

"Gerade eben hat der zur Gewohnheit gewordene Luftalarm geendet," antwortet sie mir. "Und schon setzt von neuem lärmend die Luftabwehr ein - was bedeutet, irgendwo hat es eingeschlagen. Das sind die reellen Gegebenheiten des Krieges, es ist nicht möglich, sich an sie zu gewöhnen. Doch wir haben es gelernt, ohne Strom und Licht, ohne Fernwärme und manchmal sogar ohne Leitungswasser zu leben ... Wie sind eine Nation, deren Entschlossenheit man nicht brechen kann. Wir wachen jeden Tag unausgeschlafen auf und beginnen einfach, unsere Aufgaben zu erledigen, weil wir am Leben sind - und weil wir es können und müssen: Zur Schule gehen, studieren, lernen, Krankheiten behandeln, gebären, erziehen und helfen (und das ist gewiss der wichtigste Charakterzug der Ukrainer). Jemand spendet, jemand bereitet Mahlzeiten zu, jemand strickt, flicht Tarnnetze, fährt die Hilfsgüter an die Front ... das Wichtigste dabei ist, niemals damit zu pausieren. 

 

Wenn Luftalarm herrscht, schreibe ich Gedichte, das lenkt mich ab und regt mich dazu an, zu glauben und zu leben. Ich fliehe in den Schlaf, wie an den einzigen sicheren Ort, um einfach mein Gehirn neu aufzuladen, mein Bewusstsein abzuschalten und wenigstens ein bisschen auszuruhen.

 

Mit einem Gebet stehe ich morgens auf, mit einem Gebet lege ich mich schlafen, im Glauben an Gott und höhere Kräfte. Ich glaube daran, dass das Licht die Finsternis besiegen wird. Darüber schreibe ich auch in meinen Gedichten. Ich danke allen guten Menschen, die das Licht in sich tragen, solche werden immer mehr, denn gerade in schweren, finstern Stunden werden die reinen und großartigen Menschen sichtbar.

Gemeinsam werden wir siegen!"

 

 

 

 

Auf schöpferischer Leinwand die inspirierten Träume 

Bedeckt der Schnee in meinem Traum, dem friedlichen. 

Oder ist´s gar nicht Schnee, sondern die weiße Milch, 

Geschlagen durch die Winde zu Schaum, so weiß wie Schnee.

 

 

Form von Naturgewalt - das Sein der Schöpferkraft, 

Mit Schneemehl überzieht sie des Poeten Weg. 

Ich weiß es kaum, woher es hat herbeigeweht 

Die leichten Vogelflügel für den Flug des Wortes.

 

 

In Februares Zorneskälte blieb der Winter hängen. 

Er hüllt entblößte Zweige ein in weiße Poesie. 

Und mit ihm schreibe ich es auf: FORT MIT DEM KRIEG! 

Weit hinter Winters Grenzen, wo ew´ge Finsternis!

 

Заброда О А

Olena Zabroda 

10.01.2026

 

 

 

Schilf in Kyjiw am Ufer des Dnipro. 

Foto: Olena Zabroda

 

 

Натхненні мрії, творчим полотном, 

Вкриває сніг у сні моєму, мирному. 

Чи може то не сніг, а молоко, 

Вітрами збите в білосніжну піну. 

 

Якась стихія - творчості єство, 

Встеляє шлях поета сніжним борошном. 

Я ледве знаю, звідки намело 

Легких, пташиних крил для лету слова...

 

Затрималася в лютому зима. 

Вдягає в білий вірш гілки оголені. 

А я пишу із нею: ГЕТЬ ВІЙНА ! 

За межі зим, туди де завжди морок!

 

10.01.2026.

Заброда О А

 

 

Eine der Brücken über den Dnipro in Kyjiw. Und ein Pavilion im Kyjiwer Park "Natalka".

Inspirierende Schönheit, fotografiert von Olena Zabroda

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Kommentare: 1
  • #1

    friederike (Mittwoch, 14 Januar 2026 14:40)

    Was kann ein Mensch aushalten: mörderischen Frost, vervielfacht durch grausamen, sinnlosen Krieg! Und dann dieses zarte, wunderbare Gedicht, verfasst während des Luftangriffs mit wer weis wie vielen Menschenopfern!
    Ich bewundere Olena Zabroda zutiefst und wünsche ihr weiter Mut, Kraft und bessere Zeiten im Frieden