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Tröpfchen des Frühlings

Bei einer meiner ukrainischen Dichterfreundinnen las ich gestern früh, der grimmige* Februar spaße nicht mit seinem Zorn. Vielleicht, so mutmaßte sie, "weil wir so sehnsüchtig auf den März warten?" Und an anderer Stelle merkte sie am gleichen Tag an: "Nur noch neun Tage bis zum Beginn des Frühlings!" In der Tat erinnere ich mich daran, dass uns damals in Kyjiw die Gemeindeglieder am ersten März zum Frühlingsanfang gratulierten. Und dass es dann in jedem unserer sechs Kyjiwer Jahre trotzdem noch unerbittlich kalt und winterlich blieb. Und daran, wie von Zeit zu Zeit ein paar beherzte Männer in unserem Aufgang bis unters Dach stiegen, um die oft bis zu zwei Meter langen Eiszapfen abzuschlagen, sodass diese nicht unversehens jemandem auf den Kopf fallen konnten. Wenn dann Mitte April die Fernheizung abgeschaltet wurde, blieb es noch etliche Tage empfindlich kalt. Besonders abends, wenn die Sone untergegangen war. Das war noch in Friedenszeiten ...

 

Daher müssen die Menschen in der Ukraine, die jetzt notgedrungen ohne Strom und Heizung auskommen sollen, wohl leider noch mit einer sehr langen Kälteperiode rechnen. Wie gehen sie damit um? In der Dichtergruppe Gesamtukrainische Poetische Familie wurde neulich ein Literaturwettbewerb für die 87. Woche (9. bis 15. Februar) der Rubrik "Die beste Poesie der Woche" ausgeschrieben. Dafür sollten unter der Überschrift "Nicht der Winter ist grausam - grausam ist der Feind" die bezaubernden Seiten der kalten Jahreszeit nachgezeichnet werden. Erscheinungen des Krieges mussten nicht ausgeblendet werden. Die Teilnehmenden sollten sie jedoch künstlerisch umschreiben.

 

Die Abgabefrist für den Wettbewerb war bereits verstrichen, die Gewinner des Wettbewerbs waren schon ausgezeichnet worden. Da entdeckte ich das schöne Gedicht von Viktoria Martynovainspiriert vermutlich durch die Ausschreibung. Das möchte ich Euch heute vorstellen. Ich finde, es ist eine hoffnungsspendende Fortsetzung des Wettbewerbsthemas. Ich konnte den bevorstehenden Frühling in ihren Zeilen regelrecht schnuppern. Vielleicht können sie auch Euch heiter und zuversichtlich stimmen?

 

Für alle, die mich nicht auf Facebook lesen, stelle ich ans Ende des vorliegenden Blogeintrags zum Abschluss noch ein Erlebnis vom 10. Februar, das mich sehr aufgewühlt hat.

 

* Im Ukrainischen heißt der Monat Februar Лютий, ins Deutsche übersetzt "Der Zornige/Grimmige/Raubtierartige/der erbarmungslos Grausame". Seit dem 24. Februar 2022 wird dieser Monatsname wohl für immer einen beklemmenden Beiklang behalten ...

 

 

 

 

Doch zunächst noch ein paar Informationen zur Autorin des Gedichts "Tröpfchen des Frühlings".

Ich habe sie gebeten, ein wenig von sich, ihrem Werdegang und ihrer Absicht zu erzählen. Und davon, wie sie diesen Winter erlebt. Sie hat mir so plastisch zurückgeschrieben, dass ich gar nicht viel dazu erklären muss:

 

 

 

"Geboren bin ich in Saporischschja, der Stadt der Kosakenehre. In der Stadt mit der Insel Khortytsya, der Stadt, in der der Fluss Dnipro sehr steile Ufer hat und in der bis heute der Geist der freien Kosaken lebt. In der Stadt Dnipro habe ich mein Chemiestudium absolviert. Dort bin ich dann auch geblieben und arbeitete als Chemikerin. Ich bin verheiratet, habe zwei erwachsene Töchter und einen Enkel.

 

 

Ich habe erst vor kurzem begonnen, Gedichte zu schreiben. Lyrik ist mir zu einer Möglichkeit geworden, anderen Anteil zu geben an der Wärme meines Herzens, meiner Liebe zu den Menschen, zur Natur und zu meinem Heimatland, der Ukraine. Ich schreibe hauptsächlich Gedichte für Kinder und über Kinder. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder Liebe Wärme und Fürsorglichkeit erfahren. Und dass sie selbst lernen, zu lieben und ihrer Umgebung Gutes zu schenken. Außerdem möchte ich, dass unser ukrainisches Wort, unsere ukrainische Sprache erklingt. So, dass keiner mehr behaupten kann, solch eine Sprache und solch ein Volk gebe es gar nicht.

 

 

Sie fragen mich, wie wir in der Zeit dieses schrecklichen Krieges und unter Beschuss leben:

 

Mehr als alles tut es mir leid um unsere Kinderchen, die wissen, was so ein Luftalarm bedeutet und wie Shahed-Drohnen (Langstreckendrohnen) klingen, und die in den Kindergärten in Luftschutzkellern schlafen müssen. Es tut mir so leid um unsere Schulkinder, die nicht einfach in Ruhe in die Schule gehen und lernen können. Schwer ist es auch für die Erwachsenen: Viele Stunden des Tages gibt es keinen Strom, infolgedessen leidet die Arbeit darunter, genauso wie das Alltagsleben. Doch irgendwie kommen wir damit zurecht. Überall in der Stadt dröhnen die Generatoren. Aber das ist ein Anzeichen dafür, dass wir am Leben sind und arbeiten. Jemand hat Sonnenkollektoren aufgestellt, jemand hat zuhause Ladestationen. Aber viele müssen ihr Leben an den Stundenplan angleichen, nach dem es Strom gibt. In den Hochhäusern ist es schwierig, ohne Aufzug in die höheren Stockwerke zu gelangen. Für manche Menschen ist es leider unmöglich geworden.

 

 

Was die Poesie betrifft: Ich bin froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben, und sei es auch erst in meinem bereits fortgeschrittenen Alter. Denn die Poesie hilft mir sehr, all das durchzustehen. Und es kann sein, dass sie nicht nur mir hilft, sondern auch jemandem unter meinen Freunden und Lesern. Daher bemühe ich mich darum, überwiegend helle, das Leben stärkende und gutherzige Gedichte zu verfassen.

 

 

Außerdem möchte ich den Deutschen und ihrer Regierung von Herzen danken für ihre Unterstützung und Hilfe für unser Land und unsere Menschen.

 

Dankeschön!"

 

Viktoria Martynova

 

 

 

TRÖPFCHEN DES FRÜHLINGS

 

Vom Eiszapfen fallen die Tröpfchen des Frühlings. 

Im Bächlein strömen zum Flusse sie. 

Sie raunen, sie singen, sie glucksen fröhlich, 

Erfreu´n mit Musik die Tierchen des Waldes.

 

Bald wird es warm, grüne Knospen entfalten sich, 

Ein Liedchen zwitschert das Meislein darüber. 

Mit dichten Wimpern zwinkert der Frühling, 

Kleidet Garten und Wald ins blumige Festtagsgewand.

 

Und mit sich bringt er den sanften Wohlgeruch, 

Insektchen, Bienchen heben hurtig zu surren an. 

Die liebe Sonne lächelt der Fee, der bezaubernden. 

Wölkchen verschwinden vom Himmel, heran kommt der klare Tag.

 

Viktoria Martynova 

16.02.2026

 

КРАПЕЛЬКИ ВЕСНИ

 

Падають з бурульки крапельки весни, 

Зі струмочком мчаться до ріки вони. 

Гомонять, співають, весело дзюрчать, 

Музикою тішать лісових звірят.

 

Скоро буде тепло, зелень проросте, 

Дзенькає синичка пісеньку про те. 

А весна густими віями змахне, 

У квітчасті шати ліс і сад вдягне.

 

Принесе з собою ніжний аромат, 

Бджілки і комашки жваво задзижчать. 

Сонечко всміхнеться феї чарівній, 

Хмарки зникнуть з неба, прийде день ясний.

 

#ВіршіДляДіток 

#Весна 

 

Вікторія Мартинова 

16.02.2026

 

 

Und nun noch mein oben angekündigter FB- Eintrag vom 10. Februar 2026:
"Seit einiger Zeit feile ich an Gedichten, die ich vor längerer Zeit übersetzt habe, um ein neues Manuskript vorzubereiten. Dabei bin ich wieder auf einen Gedichtwettbewerb der Gesamtukrainischen Poetischen Familie gestoßen, in dem Wiegenlieder für die Kleinsten verfasst werden sollten. Diese dürfen die Wirklichkeit des Krieges zwar abbilden, aber nur sehr behutsam umschrieben. Begriffe wie "Krieg", "Blut" und "Waffe" zum Beispiel waren ausdrücklich untersagt.
Bei einem der Gedichte zerriss es mir schon im Dezember während des Übersetzens das Herz. Auch jetzt beim Feilen an den Formulierungen war ich den Tränen nahe. Die Autorin hatte nämlich Lärm und Brände als Erscheinungen aus gängigen Märchen gezeichnet, um die Kinder zu beruhigen. Zwischen den Zeilen ist so deutlich zu spüren, wie die junge Mutter selbst Trost und Schutz braucht ...
Ich habe eine Rückfrage an die Autorin und schreibe sie an. Sie antwortet mir. Und schickt mir ein Foto ihres Kleinkindes mit, das auf dem Fußboden auf einer Packung Windeln sitzt. "Bei uns ist übrigens gerade Luftalarm" schreibt sie mir. <Es ist alles so, wie in jenem Wiegenlied.>"

 

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