"Unter Tränen habe ich Ihre Rückmeldung gelesen" schreibt mir die Autorin des folgenden Gedichts. Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich es einer lieben Freundin und auch meiner Mutter und meinem Onkel geschickt habe. Die beiden verfolgen mit regem Interesse alles, was ich ihnen von meinen ukrainischen Dichterfreunden berichte. "Bitte danken Sie den beiden sehr von mir - und umarmen Sie sie mit Ihrem Herzen!" fügt die Autorin aus der Nähe von Kyjiw hinzu.
Normalerweise gebe ich meinen Übersetzungen mehrere Tage Zeit, um nachzureifen. Im Abstand fallen mir Fehler und Unebenheiten besser auf - nicht umsonst arbeiten Schriftsteller mit Lektoren zusammen, die ihnen die Augen öffnen und ihre Texte optimieren.
Doch diesmal spüre ich: Dies Gedicht sollte unbedingt sofort gelesen werden. Denn während bei uns der Frühling schon Einzug hält, kämpft die Mehrzahl der Ukrainer immer noch mit Kälte, nur langsam tauenden Schneemassen und den Nachwirkungen der perfiden Winterwaffe des bösen Zaren Nitup (so codiert fand ich den verhassten Namen neulich in einem brandaktuellen, ukrainischen Märchenbuch, von dem ich etwas später hier berichten werde). Einer unserer langjährigen, deutschen Freunde in Kyjiw berichtete gestern, wie entsetzlich erschöpft die Menschen dort aussehen.
Liebe Nadiya Starenka, vielen, heißen Dank für Ihre Erlaubnis, das Gedicht in meiner noch ungefeilten Übersetzung zu veröffentlichen!
Frühlingsspaziergang unweit von Ansbach-Eyb, Anfang der Woche
Ob es möglich ist, glücklich zu sein zu lernen
Inmitten der schwarzen Finsternis, Unglücks und Not?
Wenn die Welt so davon eilt in reißendem Regenguss,
Und du, wie es scheint, niemals mehr aufhältst die Wasser?
Inmitten der Unglücksstürme, überstürzender Katastrophen,
Wenn´s hagelt gnadenlos gierige Flammenmeere
In sich wiederzufinden lebensspendende Charismen -
Von neuem sich kindlich zu freu´n an Morgendämm´rung und Frühling?
Wiederzufinden und wachzuerträumen jede Minute,
Die aufblüht zwischen den Wintern wie jener Himmelsschlüssel!
Und fliegen, sich erinnernd des kleinen Vögelchens.
Wie´s seine Hauptlebenseigenschaft ist, den Flug zu verwirklichen!
Nachts, die verwundeten Flügel zu flicken,
Alle Tränen zu sammeln in tönernen Krug,
Leise dies aussprechend: “Die Kraft erneuert sich,
Auseinander wird wehen am Morgen dann der verdichtete Nebel!”
Zwischen Scherben sich wieder zusammenzupuzzeln,
nachdem man schlürfte ein Schlückchen des köstlichen Trunkes.
Mögen die Frühlingswinde schon heilen den krustigen Schorf,
Damit zwischen Steinen geboren werde ein Brücklein der Hoffnung!
Kann man das etwa? Ja, fliegen musst du, mein Vöglein,
Nachdem in der Mitte du hast die Trauer zerschnitten, den Schmerz!
Inmitten des Sorgenwirbels, als wären es Eissplitter, -
Finde ein Glücksscheibchen wieder, der Schneesturm vergeht!
Nadiya Starenka
6.03.2026
Чи можливо навчитись бувати щасливою
Серед чорного мороку, лиха, біди?
Коли світ утікає бурхливою зливою,
І, здається, ніколи не спиниш води?
Серед бурь лихоліття, стрімких катаклізмів,
Під нещадними градами лютих вогнів
Віднайти у собі життєдайні харизми -
Знов радіти дитинно світанкам, весні?!
Відшукати, намріяти кожну хвилину,
Що зростає між зим, наче той первоцвіт!
І літати, згадавши маленьку пташину.
То як сутність життєва - здійснити політ!
Уночі, залатавши поранені крила,
Всі сльозинки зібрати у глиняний дзбан,
Промовляючи тихо: "Відновиться сила,
І розвіється вранці загуслий туман!"
Між уламків себе позбирати докупи,
Відсьорбнувши смачного напою ковток.
Хай весняні вітри позагоюють струпи,
Щоб зродився крізь камінь надії місток!
Хіба можна? Та треба летіти, Пташино,
Розрізаючи навпіл і тугу, і біль!
Поміж виру думок, мов уламків крижини, --
Віднайди клаптик щастя, мине заметіль!
Надія Старенька
06.03.2026
Im Zentrum für Liberale Moderne durfte ich jüngst der Buchvorstellung von "Was wollen wir? Was können wir?" von Roderich Kiesewetter beiwohnen. Ein wirklich absolut lesenswertes Buch! Sehr zu empfehlen für alle, die die sich verschärfende Weltlage verstehen wollen ...

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