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Gipfel und Kreuz

Ganz bewusst habe ich am 20. April 2026 zu meiner gemeinsamen Lesung mit Claudia Sievers im Lindower Perelshaus so gut wie alle von der Dichtergemeinschaft Gesamtukrainische Poetische Familie seit Februar gemeinschaftlich herausgegebenen Bücher mitgebracht und als Anschauungsmaterial ausgelegt. Eins habe ich derzeit verliehen und an seiner Stelle das rote Buch von 2021 mit auf dem Flügel platziert. Denn ein Themenblock unserer Veranstaltung war das "Trotzdem" angesichts aller Verbrechen, die der Ukraine in Vergangenheit und Gegenwart von diktatorischen Terrorstaaten angetan wurden und noch werden.

 

Vor wenigen Tagen schickte mir eine ukrainische Freundin die vollständige Aufnahme eines Benefiz-Tanzfestivals, das am 24. April in Rivne stattgefunden hat. Zwei ihrer Enkelkinder waren an den Bühnenauftritten beteiligt. Es lohne sich, dieses Ereignis ganz anzusehen, schrieb sie mir. Dass das nicht einfach die Worte einer stolzen, jungen Großmutter waren, konnte ich alsbald feststellen. Denn die Darbietungen waren Volkstänze auf allerhöchstem Niveau. Allesamt aufgefüht von Kindertanzensembeln in klassischer Tracht, die Mädchen mit Kränzen im Haar und fliegenden bunten Röcken, die Jungen in weiten, weißen Hemden mit Gürteln, das Haar unter feschen Strohhüten. Die anspruchsvollen Tänze große sportliche Leistungen. Und jeder Schritt, jede noch so kleine Bewegung absolut perfekt - in sehr komplizierter, schneller Reihenfolge. Welch eine Freude, die Kinder aufrecht, begeistert und konzentriert tanzen zu sehen! Wie lange es wohl gedauert haben mag, diese umfangreiche Choreographie so hervorragend einzustudieren? Und das unter Bedingungen von Luftalarm, mangelndem Strom, fehlender Heizung? Was verlieh den Beteiligten die Kraft dazu?

Die Antwort auf diese Frage prangte in großen Buchstaben wie eine Überschrift über der schlichten Bühne:

"Mit dem Glauben an die Zukunft!"

 

 

Glauben an die Zukunft strahlen auch die Aktivitäten der Gesamtukrainischen Poetischen Familie aus. So haben sich auf Initiative von Nina Boyko hin viele Mitglieder der Dichtergemeinschaft recht spontan aktiv an der Buchmesse Книжкова Країна in Kyjiw auf dem großen Messegelände ВДНГ in Kyjiw beteiligt, ungeachtet der  schlimmen Luftangriffe auf die Hauptstadt. Eindrücke von diesem großen Ereignis findet man auf der gleichnamigen Facebookseite, einen Veranstaltungsplan kann man unter book.vdng.ua einsehen. Auf dem Lageplan ist auch angegeben, wo sich der Luftschutzraum befindet.

 

Obwohl viele Ukrainer, egal ob im In- oder Ausland,  verständlicherweise mit Erschöpfung und Depressionen zu kämpfen haben, setzt die Gruppe ihre Literaturwettbewerbe fort. Da hatte Iryna Kalina neulich für die 94. Woche des Wettbewerbs "Die beste Poesie der Woche" dazu angeregt, unter dem Titel "Mein Everest" über die größte Herausforderung des eigenen Lebens nachzudenken. Das Gedicht, das sie selbst dazu beisteuerte, hat mich zutiefst erschüttert. Sie schreibt darin von ihren Bemühungen, sich die ukrainische Sprache anzueignen. Sie ist im Gebiet von Luhansk aufgewachsen, ihre Familie hatte sich dem Druck des Russischen gebeugt, sodass sie nur russischsprachig aufwuchs:

" ... der als roter Stern die Augen ausstach./ Herausgepresst, mit Gewalt herausgedrückt hat er das heilige Wort ..."

Und sie beklagt, sich wie verwaist zu fühlen, da ihr die Muttersprache weder von der Mutter noch vom Vater vermittelt wurde. Ein Schicksal, das übrigens viele der von Russland einverleibten Völker betrifft (man denke beispielsweise an die Russlanddeutschen!).

 

Ihr meisterhaftes Gedicht war für mich schwer ins Deutsche zu übertragen.

Daher stelle ich Euch stattdessen die Gewinnerin dieses Wettbewerbs mit ihrem Gedicht vor.

Als ich bei Lyubov Benedyschyn anfragte, ob sie mir ein wenig von sich selbst erzählt, stellte sich heraus, dass sie gerade erkrankt war. Trotzdem hat sie mir sehr eindrücklich geantwortet. Ich halte es für durchaus wert, ihren Brief in vollem Umfang und mit P.S. wiederzugeben:

 

 

P.S. "Noch ein paar deutliche, emotionale Akzente: In der Reihe meiner Werke befand sich auch ein Büchlein mit meinen Gedichten, übersetzt ins Russische, herausgegeben im Jahr 2006 von einem Sankt Petersburger Poeten, der sie zu schätzen wusste ... Das gab es. Denn ich habe es und die Erinnerung daran in den ersten Tagen des russischen Überfalls 2022 vernichtet. Und das Land, in dem diese Gedichtsammlung das Licht der Welt erblickte, hat für mich zu existieren aufgehört. Bis zum 24. Februar hatte ich aktiv an meiner Fähigkeit gefeilt, Lyrik von weltbekannten Dichtern und Dichterinnen, die ich von Kind an mochte, aus dem Russischen ins Ukrainische zu übersetzen. Ich hatte beim Übersetzen ein beachtliches Geschick entwickelt. Auf Facebook und auf der Seite "Poetische Meisterwerke" hatte ich sie veröffentlicht. Ich hatte auch davon geträumt, ein Büchlein mit diesen Übertragungen herauszugeben, denn nicht wenig davon hatte sich bei mir angesammelt ... Doch nach diesem Schock und dem Grauen, das ich am Tag des Überfalls erlebte, kann ich mich damit nicht mehr beschäftigen. Mein Herz gibt kein grünes Licht dazu. Ich finde keine Kraft mehr dazu ... Und mein Gewissen lässt es nicht zu ...

Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, das noch hinzuzufügen. Jedenfalls wollte ich diese Erfahrung gerne mit Ihnen teilen.

Na, nun haben Sie mich aber zum Erzählen gebracht!"

 

Weitere Information über Leben und Werk von Lyubov Benedyschyn gibt es auf Wikipedia im Artikel Бенедишин Любов Євгенівна

 

 

 

 

 

EVEREST DES LEBENS

 

Ich bezwinge den Everest meines Lebens. 

Steil ist der Anstieg. Nach Wolken der Gipfel. 

Und werd auch mit jedem Schritt schwerer mein Kreuz – 

Bin ´ s doch schuldig zu tragen dies ganz bis ans Ende. 

 

… Und sein kann ´s , dass ich in der Not mich verirre, 

oder ausgelaugt ganz von Sisyphos Mühen 

Falle ich plötzlich auf halbem Wege - 

Dem Teufel und Feinde zur Freude.

  

Oder, wenn ich gestolpert zum letzten Mal, 

Stürz ich in des tiefschwarzen Abgrundes Schlund … 

Bewahrte vor finstren Gedanken der Hoffnung Strahl 

Der vertrieb des Entsetzens kalte Tentakel.

  

Denn ich bin nicht alleine auf meinem Wege, 

Der höchste Geist - sowohl sichtbar als spürbar. 

Im Glücksmoment, im Momente des Unglücks 

Ist Wächter der Herr und zugleich auch Begleiter. 

 

Und werd auch mit jedem Schritt schwerer mein Kreuz – 

Bin ´ s doch schuldig zu tragen dies ganz bis ans Ende, 

Des Lebens Everest zu bezwingen, 

Die Erkenntnis des Gipfels näher zu bringen. 

 

Lyubow Benedyschyn

8.04.2026

 

#ВПР_94_поезія

 

ЖИТТЄВИЙ ЕВЕРЕСТ 

 

Долаю свій життєвий Еверест. 

Крутий підйом. За хмарами вершина. 

Нехай що крок, то важчає мій хрест -- 

Я до кінця нести його повинна. 

 

...Та, може, заблукаю на біду, 

Чи виснажена працею Сізіфа 

На півдорозі раптом упаду 

Дияволу і ворогу на втіху. 

 

Або, спіткнувшись ув останній раз, 

Зірвусь у пащу чорної безодні... 

Від злих думок надії промінь спас, 

Прогнавши жаху щупальця холодні. 

 

Бо не одна я на своїм шляху, 

Всевишній дух -- і зримий, і відчутний. 

У мить щасливу та у мить лиху 

Господь -- і споглядальник, і супутник. 

 

Нехай що крок, то важчає мій хрест, -- 

Я до кінця нести його повинна, 

Долаючи життєвий Еверест, 

Пізнання наближаючи вершину.

 

Любов Бенедишин

08.04.2026 (нов.ред.)

 

 

 

Lindow, Garten des Buches, mit Blick auf den Wutzsee und das Perelshaus

 

#GereimtePsalmen

 

Psalm 11

 

Verführt doch die Seele (ich jedoch - ich vertraue auf Gott): 

“Flieg in die Höhe, die deine, so wie ein Vogel!” 

Denn gespannt ist der Bogen schon in der Finsternis jenseits der Schwelle 

Und der Pfeil in den Händen der Übertreter zittert nicht.

 

Von neuem toben besessen die, die zerstören die Fundamente! 

Die einfachen Herzens und die Seligen, die nehmen sie ins Visier. 

Doch der Herr ist nicht taub - jeden Gedanken und jedes Wort 

Vernimmt Er im Tempel der Himmel. Er testet die Bösen,

 

Und auch die Gleichgültigen und die Guten, die Schwachen und Starken. 

Alles könnte Vergebung erlangen wohl in den Augen des Herrn. 

Doch Er lehnt diese ab, die stolz auf die eig´ne Gewalt sind, 

Die, die Wehklagen säen auf Pfade des Lebens.

 

Ein Schwall von schwefligem Hagel wird fall´n auf die Gottlosen 

Aus dem Einbruch der Winde, die das Feuer ausbreiten weiter. 

Denn der Herr ist gerecht und Er liebt die Wahrheit, - 

Nur der aufrichtig Fromme wird schauen Sein Angesicht.

 

Lyubov Benedyschyn 

02.05.2026

 

#Римовані_Псалми

 

Псалом 11

 

Спокушаєте душу (я ж -- надіюсь на Бога): 

"Відлітай у висоти свої, мовби птах!" 

Бо напнутий вже лук у пітьмі за порогом 

І стріла не тремтить в нечестивих руках.

 

Знов біснуються ті, що руйнують основи! 

Простосердлі й благі -- на прицілі у них. 

Та Господь не глухий -- кожну думку і слово 

Чує в Храмі Небес; випробовує злих,

 

І байдужих, і добрих; слабких і двожильних. 

Має прощення все -- у Господніх очах. 

Та ненавидить Бог тих, що горді насиллям, 

Тих, що сіють плачі на життєвих стежках.

 

На безбожних впаде шквал сірчаного граду 

Із нашестям вітрів, що розносять вогонь. 

Бо Господь справедливий і любить Він правду, -- 

Тільки праведний бачить обличчя Його.

 

Любов Бенедишин

02.05.2026

 


 

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