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Weiter im selben Boot

“Grüne Augen von Orchideen. Und jemand spielt Violine. 

Die Witwe - ein Schatten inmitten der Leute, Kerze, die kurz vorm Verlöschen noch brennt.” 

 

Lina Kostenko 

 

"Зелені очі орхідей. І хтось на скрипці грає. 

Вдова — це тінь серед людей, свіча, що догорає." 

 

Ліна Костенко

 

 

Ich habe extra im Internet nach Fotos von Orchideen gesucht. Mit grünen Augen. Die ich nicht gefunden habe. Was die große Dichterin der modernen Ukraine, Lina Kostenko, sich wohl beim Bild der grünäugigen Orchideen gedacht haben mag? Sie wird die Formulierung kaum aus einer Laune heraus gewählt haben. Dazu befragen werde ich die betagte Dame (geb. 1930) eher nicht können: Sie lebt sehr zurückgezogen in Kyjiw. Lina Kostenko gehört zu den starken Stimmen der Sechziger (шістдесятники; mehr Informationen findet Ihr im entsprechenden Wikipedia-Artikel), die standhaft gerade nicht so schrieben "wie man muss". Ihr Werk hat ungeachtet mehrfachen Wandels der Zeiten in der Ukraine Bestand und wirkt deutlich weiter. 

 

Zum Beispiel bezieht Yaroslava Slobodyan sich in ihrem Gedicht "Doch ich stehe zwischen zwei Welten" ausdrücklich auf das oben gezeigte Kurzgedicht der Poetin. Sie stellt es ihm als Motto voran. Bewusst behält sie die von Kostenko gewählte, ungewöhnliche Form bei, Strophen aus je zwei Zeilen doppelter Länge. Eigenständig führt sie den Gedankengang fort. Auf dem Hintergrund ihrer eigenen, so schmerzhaften Erfahrung. Die im Gebiet von Chmelnitzky lebende Dichterin, von Beruf Lehrerin, hat erst unter den Eindrücken des vollumfänglichen Angriffskrieges Russlands begonnen, selbst Gedichte zu verfassen. Einerseits, um nicht angesichts der schrecklichen Geschehnisse den Verstand zu verlieren. Andererseits sammelt sie mithilfe ihrer Gedichte auch regelmäßig Spenden für die Soldaten an der Front.

 

Lasst ihre Worte auf Euch wirken. Kurze Erläuterungen findet Ihr nach der dem Gedicht folgenden Bildergalerie.

 

 

 

 

 

 

“Grüne Augen von Orchideen. Und jemand spielt Violine. 

Die Witwe - ein Schatten inmitten der Leute, Kerze, die kurz vorm Verlöschen noch brennt.” 

 

Lina Kostenko

 

 

Doch ich stehe zwischen zwei Welten - wo du noch lachst, wo es duftet nach Sommer,

inmitten von Feldern, wo sich ergießt in die Gräser der Sonne Strahl.

 

Und es gibt jene Welt, wo ein schwarzes Kreuz einwächst in Qual in das Herz, 

und an der Flagge schaukelt der Wind in Freiheit dein Abzeichen.

  

Niemals mehr kommst du hierher. Weder morgen, noch später im Frühling. 

Doch ich werd auf dich warten, mich Witwe nicht nennen.

  

Denn dort hinterm Horizont, dort ist Leben, jenseits Gesichtskreises glühender Grenze, 

Du blickst aus der Ferne hervor hinter Wolken, ich spüre das.

  

Du bist im stillen Rascheln der Birken, im Kranichgesang, 

Auf dem Spinnweb im Springbrunnen silbriger Tränen des Regens.

 

In jedem Stern bist du, der in der Nacht in die Ferne verfließt über der Erde, 

Und im warmen Atem der Winde, die sich erheben übers gepflügte Feld.

  

Mit dem Tee auf dem Tisch in der Tasse, in alten Briefen und Fotos. 

Und in den Kranichen mit grauen Flügeln, die heimlich klagen im Himmel.

  

Ich werde noch lernen, lächelnd inmitten von Menschen zu schreiten. 

Doch nicht heilt die Zeit, denn diese Wunden kann man nicht nähen.

  

Daher leb´ ich von einem Tag auf den andern, wenn auch die Trauer das Herz mir beengt,

Doch nicht einmal tödlicher, finsterer Sturm kann uns entzweien.

 

Und während in mir pulsiert deine einende Liebe, 

fahre ich in deinem Boot, denn ich bin deine Gattin.

  

Der Orchideen Augen, die grünen, sie zittern in durchsicht´ger Träne. 

Die Witwe - sie ist ein Schatten inmitten der Leute … Doch bin ich deine Gattin in Trauer.

 

Yaroslava Slobodyan

24.06.2026

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Yaroslava Slobodyan

 

 

Eindrücklich im Gedächtnis geblieben ist mir ihr Gedicht "Hand in Hand werden wir weitergehen" (Рука в руці ми будем далі йти). Sie schrieb es in der Weihnachtszeit 2022/23 für eine Bekannte, deren Mann kurz zuvor an der Front gefallen war. Unvergesslich darin ist mir ihr Gedanke "E i n Leben für zwei, dich und mich, haben wir nun,/ wir werden es nicht im Grabe verbergen." In der Weihnachtszeit 2025 musste Yaroslava Slobodyan ihrem eigenen, an der Front umgekommenen Mann, Mykola Slobodyan, das letzte Geleit geben. Zu schreiben hilft ihr dabei, an der Trauer nicht zugrunde zu gehen. Mykola war von Beruf Tierzüchter. Er hatte ein großes Herz für Tiere. Allerdings ließ sich der Lebensunterhalt für die Familie besser mit Reparatur- und Renovierungsarbeiten verdienen. Deshalb renovierte er insgesamt 26 Jahre lang Wohnungen und Büros. Erst kürzlich teilte eine seiner Kundinnen Yaroslava mit: "Unsere Wohnung wurde überschwemmt. Aber was er renoviert hat, das hat dem Wasser standgehalten." Es ist ihr tröstlich, dass Menschen ihn und die Qualität seiner Arbeit in dankbarer Erinnerung behalten.

 

Ich frage sie, was es mit dem an der Flagge flatternden Abzeichen in der vierten Gedichtzeile auf sich hat. Das ist flink erklärt: Es handelt sich hier um eine der Flaggen auf seinem Grab. Auf dieser ist sein Dienstabzeichen abgebildet.

 

Aufsteigende Kraniche haben in der Ukraine Symbolcharakter: Sie erinnern an diejenigen, die ihr Leben für ihr Heimatland gaben.

 

Gern möchte ich mehr zur Methapher des Tränenspringbrunnens erfahren. "Hier geht es um Morgentau und Tränenregen, die sich unweigerlich in meinem Leben vermischt haben." erläutert sie mir.

 

"Ich treibe weiter in deinem Kahn" übersetze ich die Zeile mit dem Boot zunächst. Dabei muss ich an unsere Redewendung "im selben Boot sitzen" denken. Ob es eine ähnliche Wendung auch im Ukrainischen gibt? Ich beschließe, bei ihr nachzuhaken. Doch wie am besten? Ich umschreibe es: Das sagen wir in einer Situation, in der wir von der gleichen misslichen Lage betroffen sind, aus der wir uns aber nur befreien können, indem wir gemeinsam Anstrengungen unternehmen, das Problem anzugehen. "Immer haben wir alles gemeinsam getan und und Probleme gemeinsam gelöst" kommt prompt von ihr. "Ich möchte es jetzt genauso weiterführen und wünsche ihn mir so sehr an meine Seite. Ich sehne mich nach seiner Unterstützung."

 

 

Außerdem, so erzählt sie, sei sie stets darauf bedacht gewesen, ihren eigenen Schmerz nicht unnötig zur Schau zu stellen. Doch bekommt sie mit, dass das Formulieren und zur Verfügung Stellen ihrer Erfahrungen auch anderen Menschen hilft, mit ihrer unabwendbaren Trauer zurechtzukommen. "Alles, was ich jetzt tue, ist dazu bestimmt, dass unsere Helden im Gedächtnis bleiben." fügt sie hinzu.

 

 

 

 

Foto: Yaroslava Slobodyan

 

 

 

Зелені очі орхідей. І хтось на скрипці грає. 

Вдова — це тінь серед людей, свіча, що догорає.

 

Ліна Костенко

 

 

А я стою між двох світів — де ти іще смієшся, де пахне літом серед нив, де промінь в трави ллється. 

І є той світ, де чорний хрест вростає в серце болем, і на знаменах твій шеврон гойдає вітер волі.

  

Ти не прийдеш ніколи вже. Ні завтра, ні весною. 

Та я чекатиму Тебе, не назовусь вдовою.

  

Бо десь за обрієм життя, за гранню небокраю, 

Ти дивишся з-за хмар здаля і я це відчуваю.

  

Ти в тихім шелесті беріз, у співі журавлинім, 

У водограї срібних сліз дощу на павутині.

  

Ти в кожній зірці, що вночі спливає над землею, 

І в теплім подиху вітрів, що линуть над ріллею.

 

Із чаєм в чашці на столі, в старих листах і фото. І сизокрилих журавлях, що плачуть в небі потай.  

Я ще навчуся між людей усміхнено ходити. Але не залікує час, бо рани не зашити.

 

 Тому живу я день за днем, хоч серце крає туга, 

І нас не зможе розлучить смертельна чорна хуга.

  

І поки б'ється у мені любов твоя єдина, 

В твоєму я пливу човні, бо я твоя дружина.

  

Зелені очі орхідей тремтять в сльозі прозорій. Вдова — це тінь серед людей... 

А я — дружина в горі.

 

 

Ярослава Слободян

Вірші воєнної доби Слава Слободян

24.06.2026

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Gabriele Krieger (Samstag, 27 Juni 2026 12:07)

    Das Gedicht geht zu Herzen und unter die Haut.
    Ich kann mir nicht ansatzweise vorstellen, wie es den Menschen in der Ukraine geht, wie sie unter diesem entsetzlichen Krieg leiden und wünsche den Menschen dort alles erdenklich Liebe und Gute.